Ovids Metamorphosen als Comic

b/w illuLatein gehört - das muß ehrlich eingestanden werden - bei den meisten Schülern nicht gerade zu den heiß geliebten Fächern:
Zu abstrakte Sprache, zu verstaubt und lebensfern - einfach nicht interessant genug, um sich durch die aufreibende Paukerei durchzubeißen. Comics dagegen sind bunt und spannend. Comiclesen macht Spaß - Lateinübersetzungen »nerven«. Was läge also näher, als den so oft geschmähten Altphilologen lateinische Comics als Motivationshilfe für gefrustete Schüler zur Verfügung zu stellen?
    Neben den seit langem erfolgreichen lateinischen Versionen der Comic-Abenteuer um die Gallier Asterix und Obelix hat das »European Language Institute« vor einigen Jahren Disney-Comics auf Latein veröffentlicht (Donáldus Anas atque Nox Saracéni, Michaël Músculus et Lapis Sapientiae). Comics sind in den letzten Jahren salonfähig geworden und Comicforscher Scott McCloud hat die ersten Comics (= Sequentielle Kunst) gar in den ägyptischen Wandzeichnungen und der Trajanssäule ausfindig gemacht.
    Aber zum Glück sind ja nicht alle lateinischen Klassiker trocken wie Schiffszwieback: Publius Ovidius Naso bietet in seinen »Metamorphosen« packende Action um junge Liebe, sexuelle Belästigung, Gotteslästerung und das Ignorieren von Gebrauchsanweisungen. Die »Metamorphosen« sind eines der lebendigsten und vielfältigsten Werke der Weltliteratur, das auch nach zwei Jahrtausenden nichts von seiner Frische eingebüßt hat.
    Einer Verwendung des Werkes in den niedrigen Klassenstufen stand jedoch bisher entgegen, daß die kunstvolle Lyrik des Dichters sich in komplexen Satzbildern ausdrückt, die sich nur bei intensiver Beschäftigung erschließen und den Anfänger leicht überfordern.
Der Bielefelder Latein- und Griechischlehrer Karl-Heinz Graf von Rothenburg hat jetzt bei Klett die Comicadaption von Ovids »Metamorphoses« vorgelegt. Aus der reichen Auswahl von fast 250 Geschichten hat er neun der schönsten ausgewählt: Apollo et Daphne, Battus, Pyramus et Thisbe, Niobe, Lycii Coloni, Daedalus et Icarus, Philemon et Baucis, Orpheus et Eurydike und Midas.
    Während die Handlung in den Sprechblasen in schülerfreundlicheres Latein umgesetzt wurde, wird Ovids Original parallel zur Comichandlung am Unterrand der Bilder eingeblendet. Beim Einsatz im Unterricht empfiehlt es sich, zunächst nur die Comics zu übersetzen, um dann bei bekannter Handlung den Originaltext zu besprechen.
    Erfahrungen auf dem Comicsektor konnte Rothenburg schon mit der Übersetzung von »Asterix« ins Lateinische sammeln. Er selbst bezeichnet die »Metamorphoses« als sein »Opus Magnificum«.
    Die graphische Umsetzung wurde dem Comiczeichner Martin Frei anvertraut, dessen einzige bisherige größere Arbeit die Adaption eines »Tatort«-Krimis über Kommissar Schimanski war. Leider sind seine Zeichnungen für die »Metamorphosen« uninspiriert und fade. Eine weniger konventionelle Umsetzung hätte dem Werk gut zu Gesicht gestanden.
    Dennoch können Rothenburgs »Metamorphoses« gerade wegen der engen Bindung an das kraftvolle Ovidsche Original empfohlen werden - nicht zuletzt wegen Rothenburgs selbstgedichteter Fortschreibung der Ovidschen Zeitalter um die »Aetas Atomica«.

Ovid: Metamorphoses
Karl-Heinz Graf von Rothenburg, Martin Frei (Zeichnungen)
Klett, 56 S., DM 24,80

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© Cord Wiljes, last updated 06/08/97